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Nord-Holland-Tour Fronleichnam 2018

Quelle: Martin Grzembke
Wo ist das Ruderboot?
Wo ist das Ruderboot? Quelle: Martin Grzembke
Quelle: Martin Grzembke
Quelle: Martin Grzembke
na, Sie wissen schon, .....
na, Sie wissen schon, ..... Quelle: Martin Grzembke

  • Holland für Anfänger und Fortgeschrittene -



Martin und ich wurden mit erstaunten bis mitleidigen Blicken bedacht, als wir äußerten, noch nie in Holland gewesen zu sein. In Begleitung von 12 Holland erfahrenen Ruderkollegen fühlten wir uns jedoch bestens vorbereitet und begleitet, um dieses Neuland nun zu betreten bzw. zu befahren. Am Mittwoch vor Fronleichnam starteten wir am frühen Abend erwartungsvoll mit Vereinsbus und mit vier Booten beladenem Anhänger in Richtung Amsterdam. Trotz bevorstehendem langem Wochenende erreichten wir Amsterdam staufrei. Die erste Übernachtung hatte Fahrtenleiter Patrik in einem nahe gelegenen Hotel gebucht. Allein das war schon Neuland für uns, da wir bisher nur Wanderfahrten mit Bootshaus- oder Campingübernachtungen gemacht hatten. Während Gundlachs, die früher angereist waren, sich schon in der ersten Tiefschlafphase befanden, nahmen wir anderen noch einen Schlummertrunk in der Hotelbar zu uns und begaben uns dann auch in unsere durchaus noblen Schlafgemächer.

Nach ausgiebigem Genuss des Frühstücksbuffets ging es zum Amsterdamer Ruderverein Willem III, wo die Boote abgeladen und aufgeriggert wurden. Um Bußgelder und Abschleppkosten zu vermeiden, mussten sodann noch geeignete Parkmöglichkeiten für unsere Fahrzeuge gefunden werden. Als es dann endlich losgehen sollte, verkündeten unsere Wetter-Apps, dass es in Kürze heftig regnen sollte. Außerdem grummelte es schon verdächtig gewittrig um uns herum. Also warteten wir weiter ab. Da eine 45 km-Etappe auf stehendem Gewässer anstand, wollten wir die Abfahrt irgendwann nicht weiter hinauszögern und fuhren los. Es ging ein Stück auf der Amstel entlang. An der Oper bogen wir in die Herengracht ein. Ab hier waren gute Steuerleute gefragt, da die Gracht nicht sehr breit und die Brückendurchfahrten noch weniger breit waren. Zum Glück waren nur wenige Ausflugsboote unterwegs, so dass wir die Stadtpassage mit ihren wunderschönen Häuserfassaden genießen konnten. Nach dem Verlassen des Innenstadtbereichs bogen wir in den Amsterdam-Nordseekanal ein, der im Gegensatz zu den Grachten mächtig breit und ungemütlich wirkte. Glücklicherweise hielt sich der üblicherweise starke Schiffsverkehr in Grenzen.

Inzwischen war es gespenstig dunkel geworden und es begann heftig zu regnen. Wir bogen in einen schmäleren Kanal ab, suchten und fanden eine Anlegemöglichkeit und flüchteten in die stylische Gastronomie eines nahe gelegenen Museums, um das Ende des Regens abzuwarten. Die Weiterfahrt verlief zunehmend trocken und sonnig. Um Sandras Geburtstag zu würdigen, legten wir später eine kleine Sekt- und Geburtstagsständchen-Pause ein. Leicht gedopt erschien das Weiterrudern zunächst wie von selbst zu laufen. Irgendwann sehnten wir unsere Ankunft in Alkmaar jedoch herbei. Von Patrik erhielten wir die motivierende Auskunft "Noch 5,7km!". Das klang nach einer überschaubaren Strecke. Bald merkten wir jedoch, dass sich die angeblichen 5,7 km ziemlich in die Länge zogen. Durch die späte Abfahrt, die nicht eingeplante Regenpause und die ungewöhlich langen 5,7 km trafen wir relativ spät am Ruderverein von Alkmaar ein. Hier erwartete uns noch ein Fußmarsch von 3,2 km (oder mehr???) bis zum Hotel, was dem Begriff "WANDERfahrt" eine besondere Note verlieh. Um 21.30 Uhr saßen wir alle frisch geduscht, hungrig und müde beim Italiener und stießen zum zweiten Mal mit Sandra auf ihren Geburtstag an.

Am Freitagmorgen ging es nach einem gemütlichen und leckeren Frühstück in die Innenstadt von Alkmaar. Zunächst absolvierten wir Teile eines Altstadtspaziergangs. Um 11.15 Uhr ging es auf den Käsemarkt, wo Patrik eine Führung für uns gebucht hatte. Hier wurden wir in die Geheimnisse der Holländischen Käseherstellung und -vermarktung eingeweiht. Wir erfuhren, dass man eine zweijährige Ausbildung zum Käseträger absolvieren muss, um acht Goudaräder auf einer Holztrage im Laufschritt zu zweit transportieren zu können, dass es vier Käsegilden in Nordholland gibt und der Vorsitzende aller Gilden den schönen Namen "Käsevater" trägt. Nach diesem kulturellen Höhenflug begaben wir uns wieder in die Niederungen des Rudersports. Dank der Idee von Robert und der Initiative von Martina mussten wir unser Gepäck nicht 3,2 km zurück zum Ruderverein schleppen, sondern verluden es in ein Taxi. Die Taxifahrerin schien ihren Führerschein noch nicht allzu lange zu haben, aber trotzdem kam das Gepäck in Begleitung von Martina und Bettina E. unbeschadet am Ruderverein an. Schnell brachten wir die Boote aufs Wasser und starteten in Richtung Purmerend. Nach 31 km Kanalrudern trafen wir am Ruderverein von Purmerend ein. Da wir das Gepäck nicht schon wieder zu unserer Unterkunft tragen wollten, erklärten sich Markus und Patrik bereit, das Gepäck in der "Donauwelle" zu unserem Hotelschiff "Anna Maria II" zu rudern. Kaum hatte das Gepäckboot abgelegt und wir das Bootshaus von Purmerend betreten, begann es sintflutartig zu regnen.

Im Laufschritt legten wir die Strecke von etwa 2 km zur "Anna-Maria II" zurück, wo wir bereits von Markus und Patrik und unserem nassen Gepäck erwartet wurden. Die Unterbringung auf einem Plattbodenschiff hatte etwas Gemütliches, war aber auch mit einer gewissen räumlichen Enge verbundenn. Den Größeren unter uns gelang es nicht, sich in den Schlafkojen auszustrecken und die 2er- und 4er-Kajüten boten nur begrenzt Platz, um nasse Kleidung zu trocknen, aber irgendwie fühlten wir uns doch als Ruderer ganz wohl an Bord. Da es weiterhin wie aus Eimern goss, bestellten wir unser Abendessen in einer nahe gelegen Pizzeria und speisten im Mannschaftsraum unseres Hotelschiffes. Den wenigen übrigen Hotelgästen boten wir als Ausgleich für die von uns ausgehende Lärmbelästigung ein holländisches Bier an.

Am Samstag nahmen Patrik und Markus an einer Marathon-Veranstaltung, der "Noord-Holland-Tocht" teil. Die beiden ruderten zusammen mit einem Marathonkollegen der NRG 70 km auf stehendem Gewässer und holten den Sieg im gesteuerten Zweier nach Neuwied! Wir anderen setzten uns gegen halb neun erwartungsvoll an den Frühstückstisch der "Anna Maria II" und hofften auf ein den beiden Vortagen ebenbürtiges Frühstücksbuffet. Leider wurde unsere Hoffnung nicht erfüllt. Wabberndes Brot ohne Butter und sehr übersichtliche Mengen an Brotaufstrich und -belag riefen keine Begeisterungsstürme bei uns hervor. Noch geringer waren die Begeisterungsstürme bei den anderen Übernachtungsgästen, für die wir nicht mehr viel übrig gelassen hatten! Nach dieser wenig erbaulichen Frühstückserfahrung pilgerten wir zurück zum Ruderverein. Hier konnten wir "erfahren", dass mindestens 95 % der anwesenden Vereinsmitglieder des Pumerender Rudervereins mit dem Fahrrad (=Hollandrad) zum Rudertraining gekommen waren. Das beeindruckte uns mächtig.

An diesem Tag starteten wir gegen 10 Uhr und ruderten eine 24km-Strecke rund um Purmerend. Die Aussichten und die Ufervegetation waren wenig abwechslungsreich. Man sah Felder, Kühe, Schafe sowie Seerosen, Schilf, Schilf und hin und wieder Schilf. Nach dieser Entspannungstour waren unsere Sinne bereit und aufnahmefähig für einen Nachmittagsausflug nach Amsterdam. Der Linienbus brachte uns in nur 24 Minuten an den Hauptbahnhof von Amsterdam, von wo aus wir in kleinen Gruppen ausschwärmten, um die Innenstadt fußläufig zu erkunden. Als wir am Abend wieder auf unserem Plattbodenschiff zusammenkamen, mussten wir einhellig feststellen, dass uns die Erkundung Amsterdams aus der Ruderbootperspektive mehr reizte als das normale touristische Sightseeing-Programm.

Am Sonntag kamen wir dann nochmals in den zweifelhaften Genuss des Wabberbrotfrühstücks ohne Butter, aber dieses Mal waren wir ja darauf vorbereitet. Danach packten wir zügig unsere Sachen und beluden die Boote, die wir am Vortag unmittelbar neben unserem Hotelschiff „geparkt“ hatten. Der Großteil der Strecke bestand aus einem recht breiten Kanal, der auf einer Seite von einer Straße und auf der anderen Seite von einem Fahrradweg gesäumt wurde. Interessant wurde es dann wieder, als wir das Stadtgebiet von Amsterdam erreicht hatten. Nachdem wir eine Schleuse passiert hatten, fanden wir uns auf dem Amsterdam-Nordseekanal wieder und zwar unmittelbar gegenüber dem Hauptbahnhof. Dieses Mal war deutlich mehr Schiffsverkehr, aber als erfahrene Rheinruderer meisterten wir diese Herausforderung ohne Probleme. Nach der Kanalquerung bogen wir wieder in das Grachtengewimmel der Innenstadt ein. Besonders ins Auge fiel ein mehrstöckiges Fahrradparkhaus neben dem Hauptbahnhof. Im östlichen Hafen- und Grachtenbereich bestaunten wir den futuristischen Bau des NEMO, des Museums für Wissenschaft und Technologie. Nach dem Durchfahren einiger Grachten erreichten wir wieder die uns bereits bekannte Amstel und bald darauf den an der Amstel gelegenen Ruderverein Willem III.

Glücklicherweise war der Bus nicht abgeschleppt worden, auch mit einem Bußgeld hatte man uns verschont. Die Boote reinigten wir vor Ort und verluden sie in gesäubertem Zustand auf den Anhänger. Auch die Rückreise verlief nahezu staufrei, lediglich an einer Stelle stockte der Verkehr etwas. So waren wir gegen 20 Uhr in Neuwied und verstauten Boote und Bootsmaterial mit vereinten Kräften wieder im Bootshaus. Müde, aber vollauf zufrieden mit dem Verlauf und den Erlebnissen unserer Holland-Wanderfahrt, freuten sich sowohl die Holland-Neulinge als auch die alten Holland-Hasen auf ihre Kojen zu Hause, die etwas mehr Platz für lange Beine boten als die Kojen unseres Plattbodenschiffs. An Patrik, unseren “Käsevater” der Wanderfahrt, auf diesem Weg nochmals ein herzliches Dankeschön für die gute Organisation der Tour!


Bettina Grzembke