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Osterrudercamp am Genfer See

Gruppenfoto mit "Gelbwesten"
Gruppenfoto mit "Gelbwesten" Quelle: Martin Grzembke
Weinanbaugebiet Lavaux
Weinanbaugebiet Lavaux Quelle: Martin Grzembke
"Dolce Vita" mit Belle-Epoque-Schiff
"Dolce Vita" mit Belle-Epoque-Schiff Quelle: Patrik Sassin
Essen auf der Bootshausterrasse
Essen auf der Bootshausterrasse Quelle: Martin Grzembke
Mittagspause am Kiesstrand
Mittagspause am Kiesstrand Quelle: Martin Grzembke
Mannschaft der "Vogalonga"
Mannschaft der "Vogalonga" Quelle: Martin Grzembke
Osterwetter!
Osterwetter! Quelle: Martin Grzembke
Olympische Uhr
Olympische Uhr Quelle: Martin Grzembke
Abschiedsfoto vor dem Bootshaus
Abschiedsfoto vor dem Bootshaus Quelle: Martin Grzembke

Normalerweise verbinden Ruderer mit dem Genfer See in erster Linie die Genfersee-Regatta „Tour du Léman à l‘Aviron“. Man kann den Genfer See allerdings auch als normaler Wanderruderer genießen. Durch den Au-pair-Aufenthalt unserer Tochter Leonie in Lausanne kam bei mir der Wunsch auf, auf diesem wunderschön gelegenen See selbst einmal rudern zu wollen. Also nutzte ich Leonies temporäre Mitgliedschaft im Rowing Club Lausanne (RCL) schamlos aus und nahm Anfang Januar 2019 Kontakt zu Jean-Pierrre, dem „Président“ des RCL, auf, der mein Anliegen unterstützte und anbot, uns über die Ostertage drei C-Vierer zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig reservierte ich auf dem in unmittelbarer Nähe des RCL gelegenen Campingplatz zwei Bungalows für jeweils vier Personen und zwei Stellplätze für unseren VW-Bus und den Wohnwagen von Andrea und Michael.

Martin und ich reisten schon einige Tage vor Ostern in der Olympischen Hauptstadt an, wodurch wir Zeit genug hatten, das Bootshaus des RCL und das Ruderrevier in Augenschein zu nehmen. Man bot uns an, den Vereinsraum einschließlich Küche sowie Terrasse und Grill nutzen zu können. Da wir uns aufgrund des Schweizer Preisniveaus selbst verpflegen wollten, kam uns dieses gastfreundliche Angebot sehr gelegen. Wegen der großen Windabhängigkeit des Ruderns auf einem See, beschlossen wir, ausschließlich Tagesfahrten von Lausanne aus zu unternehmen. So konnten wir jeweils am Morgen festlegen, in welche Richtung es gehen sollte.

Endlich war es soweit. Am Donnerstagnachmittag reiste zunächst die Gundlachsche Karosse mit Sandra, Axel und Robert an. Heiner wurde per Flugzeug aus Polen eingeflogen, der Krögersche Wohnwagen-Konvoi mit Andrea, Michael und Nico kam tatsächlich noch vor Kathleens PKW in Lausanne an. Kathleen, Helene, Ralf und Marius hatten sich den Weg an den Genfer See durch das französische Jura gebahnt. Last but not least fehlte noch Patrik, der auch per Flugzeug anreiste, aber auch er fand sich gegen Mitternacht auf dem Campingplatz ein. So waren alle drei Vierermannschaften komplett und das Osterwochenende konnte beginnen. Die Bungalows waren leider nicht ganz so komfortabel wie der unmittelbar dahinter gelegene Neubau des Internationalen Olympischen Komitees, aber mit der Aura des olympischen Gedankens im Hintergrund ließ sich natürlich auch in einfacher Umgebung gut schlafen.

Am Karfreitag ging es los mit einer Tagesfahrt nach Vevey und zurück. Bevor wir starteten, gab Martin eine Unterweisung in die Regeln und Gepflogenheiten der Lausanner Ruderer: Die Skulls sind mit den Griffen nach vorn zu tragen und mit der Rückseite des Blatts abzulegen. Die Nummerierung der Ruderplätze ist genau umgekehrt wie bei uns. Je nach Richtung der Ausfahrt, gibt es genaue Regeln, wo man fahren darf. Nummer 4, bei uns Nummer 1, hat ein gelbes Trikot zu tragen, um gut sichtbar zu sein. Beim Anlegen am Steg muss man mit dem Heck zuerst an der Pritsche anlegen. Uff, jetzt hatten wir uns auf ein bequemes Rudern auf glattem See eingestellt und man musste sich mit so einem umfassenden Regelwerk auseinandersetzen! Und dann heißt es immer, die Deutschen wären regelungswütig. Da wir die Gastfreundschaft des RCL nicht aufs Spiel setzen wollten, wurden die Regeln selbstverständlich genau beachtet. Die Ruderer mit dem gelben Trikot wurden ab sofort als „Gelbwestenträger“ bezeichnet. Unsere Flotte setzte sich aus zwei C-Lines („Dolce Vita“ und „Vogalonga“) und einem Filippi-C-Vierer („Regina“) zusammen. Es war natürlich sonnenklar, dass das Boot „Dolce Vita“ mit Familie Gundlach besetzt wurde.

Unsere Strecke führte uns zunächst an den Häfen und der Uferpromenade von Lausanne vorbei, so dass man die am Hang gelegene Stadt gut von der Seeseite aus betrachten konnte. Nachdem wir am Olympischen Museum vorbeigerudert waren, passierten wir den noblen Vorort Pully. Weiter ging es in Richtung Osten, mit Blick auf das UNESCO-Welterbe, das beschauliche Weinanbaugebiet Lavaux. Zwischen den Weinbergsterrassen und Weingütern sah man immer wieder Züge in verschiedenen Höhenlagen in Tunnels verschwinden und wieder auftauchen. Der Anblick hatte etwas von einer Modelleisenbahn! Auf der gegenüberliegenden Seeseite konnte man einen atemberaubenden Blick auf die französischen Alpen genießen. Mit etwas Glück fuhr dann noch einer der Belle-Epoque-Schaufelraddampfer vorbei. Vor einer landschaftlich so abwechslungsreichen und reizvollen Kulisse waren wir bisher selten gerudert. Mittags erreichten wir die kurz vor Montreux gelegene Stadt Vevey, die die Konzernzentrale von Nestlé beherbergt. Nach einem Mittagsimbiss an der Uferpromenade mit Blick auf die französischen Alpen ging es zurück nach Lausanne. Insgesamt waren wir 40 km gerudert. Zum Tagesabschluss grillten wir gemeinsam auf der Bootshausterrasse und genossen auch hier den Ausblick auf den schönen Genfer See.

Am nächsten Morgen mussten Michael und Sandra zunächst die Biervorräte auffüllen. Wir hatten zwar nahezu alle Lebensmittel von zuhause mitgebracht, aber der Bierkonsum des ersten Abends hatte gezeigt, dass wir hier noch nachlegen mussten. Mit einer Stiege Heineken und einer Stiege Anker kamen die beiden erfolgreich von ihrer Mission zurück. Nun konnten wir beruhigt frühstücken. Am Vortag hatte man uns die vorbestellten Baguettes noch einzeln eingetütet. Heute gab man uns eine große Plastiktransportkiste mit. Wetter und Wind waren uns wohlgesonnen, so dass wir planmäßig in Richtung Westen aufbrechen konnten. Wir passierten das Städtchen Morges, von wo aus man bei guter Sicht bis zum Mont Blanc schauen kann. Die Sicht war nicht perfekt, aber dennoch erhaschten wir den begehrten Blick auf den höchsten Berg der Alpen. Zur Mittagszeit landeten wir an einem Kiesstrand an, der einem kleinen Hafen vorgelagert war. Wir zogen die Boote aus dem Wasser, betteten sie weich auf die mitgebrachten Lagerungskissen und ließen uns im Schatten zum Mittagspicknick nieder. Bevor wir wieder ablegten, beschlossen Helene, Sandra und Robert, sich in die Fluten des Genfer Sees zu stürzen. Während Sandra und Robert sehr schnell wieder aus dem kalten Wasser herauskamen, schwamm Helene seelenruhig und beglückt ihre Runden. Auf dem Rückweg hielten wir uns etwas dichter unter Land und erreichten das Bootshaus des RCL am frühen Abend nach 39 Ruderkilometern. Bei der Vorbereitung des für diesen Abend geplanten Raclette-Essens halfen alle tatkräftig mit. Andreas Angst, unsere drei Raclettegeräte würden die Stromversorgung des Bootshaueses lahmlegen, zeigte sich als nicht berechtigt. Alles funktionierte reibungslos. Nur eines der drei Geräte war deutlich leistungsschwächer als die beiden anderen, so dass sechs Personen mit knurrendem Magen zusehen mussten wie am anderen Tischende ein voll beladenes Raclette-Pfännchen nach dem anderen vertilgt wurde! Dennoch behaupte ich, dass niemand hungrig vom Tisch aufstehen musste.

Vor dem Osterfrühstück am Sonntag musste Nico zunächst alle vom Osterhasen versteckten Schokoladeneier finden. Nachdem dies mit etwas Hilfestellung durch erfahrene Ostereiersucher bewältigt war, ließen wir uns erneut ein üppiges und abwechslungsreiches Frühstück schmecken. Andrea hatte uns schon beim ersten Frühstück anvertraut, dass sie eigentlich nur wegen der selbstgemachten Marmelade der anderen Teilnehmer mitgefahren sei. So hatte jeder seine individuell sehr unterschiedlichen Beweggründe, an der Ostertour teilzunehmen! Heute sollte etwas weniger gerudert werden, da wir uns am Nachmittag noch die Stadt ansehen wollten. Es ging nochmals in Richtung Osten, Tagesziel war das Lauvaux-Weindorf Cully. Im dortigen Yachthafen konnten wir die Boote während der Pause festmachen. Wir schlenderten gemeinsam durch den Ort, besuchten die Kirche St. Etienne und nahmen unser Mittagspicknick an der Uferpromenade ein. Nach unserer Rückkehr und 24 Tageskilometern ging es zunächst zu Fuß zum Schiffsanleger und zur Olympischen Uhr, die sekundengenau anzeigt, wie lange es noch bis zur Eröffnung der nächsten Olympischen Sommer- und Winterspiele dauert. Von dort aus fuhren wir mit der Métro in die Altstadt. Die Kathedrale konnten wir wegen eines Osterkonzerts nur von außen besichtigen, den hervorragenden Blick auf Stadt und See konnte uns jedoch niemand nehmen. Über die alten Markttreppen stiegen wir an mittelalterlichen Häusern vorbei hinunter ins Stadtzentrum, dem Place de la Palud, mit dem Rathaus und einem Renaissancebrunnen. Das aus umgestalteten ehemaligen Lagerhäusern bestehende Flon-Viertel, die mitten durch die Stadt verlaufenden Brücken „Bessières“, „Grand Pont“ und „Pont Chauderon“ sowie das erste Schweizer Hochhaus „Bel-Air“ wirkten neben den zahlreichen Parks und Grünanlagen der Stadt und den monumentalen Hotelbauten aus der Belle Epoque sehr beeindruckend auf uns. Zurück am Bootshaus wurde die 2.Racletterunde eingeläutet. Dieses Mal wurden die Plätze getauscht, damit die Nutznießer eines der leistungsstärkeren Raclettegeräte vom Vortag bei ihrer Essgeschwindigkeit etwas ausgebremst wurden. So war die Gerechtigkeit wiederhergestellt!

Am Ostermontag gab es zunächst ein Geburtstagsständchen für Patrik. Andrea hatte sogar einen Kuchen gebacken, den Patrik dann geschwisterlich mit uns teilte. Heute hatte der Wind etwas aufgefrischt. Eine Ruderin warnte uns vor noch stärkerem Wind, was eine gewisse Nervosität bei uns aufkommen ließ. Das Ziel war heute die westlich von Lausanne gelegene Stadt Morges, die jedes Frühjahr mit einer sehenswerten Tulpenschau aufwartet. Aufgrund des Windes war der See zwar welliger als an den vorangegangenen Tagen, dennoch konnten wir den Ruderverein von Morges problemlos erreichen. Selbst botanische Skeptiker mussten nach dem Besuch der Tulpenschau zugeben, dass die professionell angelegten Tulpenbeete mit mehr als 300 Tulpensorten durchaus sehenswert sind. Entgegen den morgendlichen Befürchtungen schwächte sich der Wind auf dem Rückweg ab und wir kamen nach 20 Ruderkilometern wohlbehalten am Bootssteg des RCL an. Wir reinigten die Boote, legten unsere „Gelbwesten“ ab und hofften, dass wir alle uns auferlegten Regeln zur Zufriedenheit unserer Gastgeber erfüllt hatten. Der letzte Nachmittag stand zur freien Verfügung. Patrik setzte sich in Richtung Flughafen in Bewegung, einige fuhren nach Montreux, eine Gruppe steuerte einen oberhalb von Lausanne gelegenen Aussichtsturm an und andere genossen die Ruhe auf dem Campingplatz. Rechtzeitig zur Zubereitung des Abendessens fanden sich alle (außer Patrik) wieder im Bootshaus ein und halfen tatkräftig mit. Die Befürchtung, die Nudel- und Soßenmenge könne nicht ausreichend sein, konnte erneut wiederlegt werden. Die letzten Bier- und Weinvorräte wurden vernichtet, wobei sehr bedauert wurde, dass Michaels Anker-Bier bereits ausgetrunken war!

Am nächsten Morgen lief alles wie am Schnürchen. Auf dem Campingplatz wurde ausgecheckt und wir fanden uns ein letztes Mal zum Frühstück im schönen Bootshaus des RCL ein. Andrea genoss ihre Marmelade, Helene nahm dankbar leere Marmeladengläser an, um sie mit ihrem Teewasser auszuspülen und letzte Ostereier wurden aufgegessen. Wir verstauten unsere mitgebrachten Kühlboxen, das Leergut, die Raclettegeräte und diverse Kochgerätschaften in unseren Autos. Irgendwie hatten wir den Eindruck, dass die Autos voller als auf der Hinreise waren, obwohl wir doch alles aufgegessen und leergetrunken hatten! Aber egal, es passte alles rein. Wir verabschiedeten uns von unserem Gastgeber Jean-Pierre, bedankten uns vielmals für die freundliche Aufnahme und verewigten ihn auf einem Abschiedsfoto in unserer Mitte.

Auch wenn wir den Genfer See nicht in kürzester Zeit hin und zurück durchfahren haben, wie dies bei der offiziellen „Tour du Léman à l’Aviron“ geschieht, so waren wir mit unserer kleinen „Tour du Léman à l’Aviron“ glücklich und zufrieden. Ich bin mir sicher, dass wir alle dieses gemeinsame Ostererlebnis in guter Erinnerung behalten werden und es mit einem dicken Plus in unserem bisherigen Ruderleben verbuchen werden. Mein besonderer Dank gilt Jean-Pierre vom RCL und Leonie, ohne die wir gar nicht erst auf die Idee gekommen wären, in Lausanne zu rudern!

Bettina Grzembke