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Annika Lausch - ein besonderes Wiedersehen

Quelle: Martin Grzembke
Quelle: Martin Grzembke

„Was machst Du so?“

  • Ein Wiedersehen mit der ehemaligen GTRVN-Leistungssportlerin Annika Lausch


Der erste Vereinsabend im Jahr 2020 stand unter einem ganz besonderen Motto. In der Reihe „Was machst Du so?“ berichten ehemalige Aktive des GTRVN über ihren beruflichen oder sportlichen Werdegang, um den jüngeren Vereinsmitgliedern Denkanstöße für ihre Zukunftsplanung zu geben und den älteren Mitgliedern interessante Einblicke in die Entwicklung und das Lebensmodell Ehemaliger zu geben.

Annika Lausch, die mit 11 Jahren im GTRVN das Rudern erlernte und als Jugendliche eine steile Karriere im Rennruderbereich hinlegte, berichtete am 10.01.2020 über ihre Erfahrungen im Leistungssport und mit welchen Hindernissen sie zu kämpfen hatte, um da zu stehen, wo sie jetzt ist. Annika lebt heute in Berlin, ist studierte Sozialpädagogin und arbeitet in der Jugendhilfe.

Schon zu Beginn ihres Vortrags bereitete Annika ihre Zuhörer darauf vor, dass ihre Geschichte keine Erfolgsstory im herkömmlichen Sinn ist und sie auch die steinigen und unschönen Passagen ihres bisherigen Lebens schildern werde.

Bereits mit 13 Jahren belegte sie bei den Südwestdeutschen Meisterschaften einen 2.Platz. Zusammen mit ihrer damaligen Ruder-Partnerin Ruth Vochem wechselte Annika zum Koblenzer Ruderclub Rhenania, um leistungssportlich voran zu kommen. Obwohl oder gerade weil man ihr klar machte, mit einer Körpergröße von 1,76m viel zu klein für den Ruder-Leistungssport zu sein, ging Annika aufs Ganze. Sie war extrem ehrgeizig und der Sport beherrschte ihr Denken und Tun.

Mit 17 Jahren trainierte sie in der Junioren-Nationalmannschaft und fuhr 2003 mit großer Motivation als Schlagfrau des Achters zur Junioren-WM nach Athen. Der fragwürdige Genuss einer Geflügelmahlzeit führte jedoch zu einer Salmonellenvergiftung und aus war der Traum von der WM-Teilnahme. Statt einer Medaille gab es ein Ticket für den Rückflug im Quarantäne-Flieger!

Annika wandelte den Frust in Motivation um und trainierte weiter. Sie startete nunmehr im Erwachsenenbereich und fuhr im Alter von 18 Jahren gleich zweifach den Titel der Deutschen Meisterin ein. Das nächste Ziel waren die Weltmeisterschaften 2004 in Spanien. Hier sollte es endlich klappen mit einem internationalen Erfolg! Doch wieder stellte sich eine Verkettung ungünstiger Umstände ein. Ein Magen-Darm-Infekt, vermutlich verursacht durch Schmutzwasser, führte zur Abmeldung von Annikas Rennen. Auch wenn Annika es kaum fassen konnte, kämpfte sie weiter.

Sie war eine der deutschen Spitzenruderinnen und wollte endlich einen internationalen Erfolg für sich verbuchen. Inzwischen trainierte sie im Vierer im U23-Bereich. Als die nächste WM anstand, entschied sich der Trainer kurzfristig für eine Neubesetzung im Boot, was dazu führte, dass die Mannschaft nur im B-Finale startete (ab Platz 7). Hier fuhr Annika nach ihren eigenen Worten „das beste Rennen ihres Lebens“. Auch wenn „nur“ Platz 7 erreicht wurde, war Annikas Boot 4 Sekunden schneller als das Weltmeisterboot, was Annika und ihrer Mannschaft den Titel „Weltmeister der Herzen“ einbrachte. Aber trotz Bestleistung fehlte noch immer der heiß ersehnte internationale Titel.

Nach diesem Wettkampf veränderte sich etwas in Annika. Zweifel kamen auf, ob der eingeschlagene Weg der Richtige war. Sie kannte nur Sport in ihrem Leben, für etwas anderes war nie Platz gewesen. Sie hatte härter als hart gearbeitet, aber dennoch den angestrebten Erfolg immer kurz verfehlt. Annika litt unter einem Burnout und entschied sich für den Ausstieg aus dem Leistungssport. Damit fiel ihr Lebensinhalt weg. Sie hatte ihre Jugendzeit dem Sport verschrieben und nun stand sie vor dem Nichts. Während Gleichaltrige ihre Pubertät durchlebten und wichtige Lebenserfahrungen machten, war sie ausschließlich auf Disziplin und Sport ausgerichtet gewesen. Annika entwickelte eine Essstörung, unter der sie viele Jahre lang litt.

Nachdem sie aus der Sportfördergruppe der Bundeswehr ausgeschieden war, entschied sie sich, zur Polizei zu gehen. Dort hatte sie ein festes Gehalt, konnte weiter Sport treiben und erhoffte sich Befriedigung und „Action“ aus der neuen Tätigkeit. Nach einiger Zeit musste sie jedoch erkennen, dass sie auch hier keine Erfüllung fand. Die Essstörung wurde immer schlimmer. Annika verlor an Gewicht und baute körperlich ab. Im Jahr 2009 begab Annika sich erstmals für fünf Wochen in eine Klinik. Insgesamt brauchte sie sieben Jahre und drei Klinikaufenthalte, um ihre Essstörung zu bewältigen und den Weg in ein „normales“ Leben zu finden.

Auch wenn der Sport nicht mehr Annikas alleiniger Lebensinhalt war, so nahm er auch weiterhin einen wichtigen Stellenwert in ihrem Leben ein. Die Entscheidung, welche berufliche Richtung sie einschlagen sollte, war nicht leicht. Aber eines hatte Annika gelernt: Man musste keine Angst haben, falsche Entscheidungen zu treffen, denn jede Entscheidung in ihrem Leben hatte sie weitergebracht. Den Gedanken an ein Sportstudium verwarf sie, weil ihr dies zu wissenschaftlich erschien. Annika begann über ihre Krankheit und über ihre Erfahrungen zu sprechen, sogar im öffentlichen Raum. Eine zentrale Erkenntnis brachte sie dann zu ihrer ultimativen Berufsentscheidung. Sie hatte erkannt, dass helfende Menschen in Krisenlagen „unfassbar wichtig“ sind.

Also entschied sie sich für ein Studium der Sozialen Arbeit, das sie in München absolvierte. Um ihre nach wie vor ausgeprägte Sportleidenschaft einzubeziehen, erwarb sie eine Zusatzqualifikation als Erlebnispädagogin und arbeitet heute in einer Jugendhilfeeinrichtung in Berlin, wo sie junge Menschen im Alter von 15 bis 21 betreut. Mit dieser Berufswahl ist Annika sehr glücklich. Hier kann sie Menschen in einer wichtigen Entwicklungsphase, die sie selbst nicht zur rechten Zeit durchleben konnte, unterstützen.

Auf die ihr eigene Weise macht sie das über den Sport, der ihr einen besonderen Zugang zu den Jugendlichen ermöglicht.
Mit diesen beiden Standbeinen, der sozialen Arbeit und dem Sport, möchte Annika sich auch in Zukunft weiterentwickeln. Ein großer Traum ist ein Projekt zum „Team building“ im Ruderachter. Als passionierte Team-Sportlerin wäre dies sicher ein hervorragendes Betätigungsfeld für Annika. Vielleicht besucht sie uns eines Tages wieder in Neuwied und berichtet über ihre Erfahrungen als Team-Trainerin.

Wir freuen uns darauf!

Bettina Grzembke